9. September 2010 | 15:25 Uhr
Ich war heute Mittagessen mit einer Freundin. Ihre obligatorischen Seitensprünge waren Thema. Seit 11 Jahren ist sie in einer kuscheligen Beziehung und würde ihren Freund auch nie aufgeben, die Abwechslung holt sie sich bei spritzigen Affairen. Dieses Doppelleben hat nicht nur seinen Reiz, sondern auch seine Tücken. sms löschen, Anrufe abfangen, Spuren beseitigen und vor allem mit dem schlechten Gewissen leben.
Nun möge man denken, das sei ein ausgesprochen männlicher Habitus, aber wie ich heute wieder mal erfahren musste wohl doch nicht. Dennoch überwiegen die männlichen Sprünge zur Seite, denn allein in meinem Bekanntenradius haben 80% der vergebenen und verheirateten Männer eine Geliebte und führen ein Doppel- und manche sogar ein Dreifachleben und maximal 20% meiner weiblichen Bekannten. Doch die Worte meiner Freundin hörten sich heute "typisch männlich" an. Steht das schwache dem starken Geschlecht in Punkto Lug und Betrug hier in nichts nach? Diese Diskussion hielt heute unser Mittagessen in Schach. Noch heftiger aber diskutierten wir ob sich Personen des öffentlichen Lebens Fehltritte in diese Richtung erlauben sollen könnten und deren Privatsphäre gewahrt bleiben sollte oder doch nicht? Stichwort Haider Outing und die Diskussion im öffentlich rechtlichen TV dazu. Interessant ist ja wirklich, dass die österreichischen Medien das Doppelleben und die Liebschaften der Politiker vor allem immer wieder unter Verschluss und geheim halten und aus der Berichterstattung völlig ausgrenzen. Unserem Landeshauptmann wurde kurz vor der Wahl ja auch etliches angedichtet. Journalisten tuschelten unter der Hand und Gerüchte waren im Umlauf, die man lieber nicht vernehmen und schon gar nicht vermehren möchte. Damit tat sich auch die Frage auf ob man die Privatsphäre der Politiker zu respektieren habe oder ob es sehr wohl – gerade für konservative Parteien, die den Bürgern und Wählern ja auch eine gewisse Ethik und Moral vorleben und Orientierung und Beispiel sein wollen und sollen – verwerflich sei, wenn gerade diese Menschen sich in fragwürdiger Doppel- und Scheinmoral üben?! Wo Emotionen sind, da ist auch mit Chaos, mit Entgleisungen und mit diversen Abenteuern zu rechnen. Aber wieviel Emotio steht Personen des öffentlichen Lebens zu? Ab wann gilt es sich dieser zu enthalten und sich statt dessen lieber in Disziplin und ehrbaren Wegen zu üben und die Ratio Herr werden zu lassen? Das Outing des Haider-Geliebten kam zur falschen Zeit. Unpassender als kurz vor dem Gedenktag hätte es nicht sein können. Dass es ihn nur menschlicher gemacht hätte, wie man lesen konnte, würde ich nicht sagen, dass er ein Recht hatte wie alle anderen Menschen auch seine Gefühle zu leben, würde ich ihm schon eher zugestehen und somit auch seine angebliche Liebe zu diesem jungen Mann. Nur dennoch hat er mit dieser Tatsache andere Menschen verletzt oder brüskiert und dennoch hat ein erzkonservativer Politiker wie er seinen Anhängern und Wählern ein falsches Bild vorgelebt und vorgegaukelt, die sich nun betrogen fühlen und den jungen Geliebten zu Leibe rücken. Toleranz wäre nun gefragt. Und Haider hätte sich zu Lebzeiten entscheiden können. Ein Leben für die Politik oder ein Leben für die Liebe. Er wollte wohl beides haben. Und er hatte es eine Zeitlang auch, aber er hat damit kein schönes Erbe hinterlassen, schon gar nicht denen, die er - wie er vorgab - so sehr geliebt hat. Ich hätte ihm die Stunden mit seinem Lover gegönnt, doch ein bisserl mehr Mut oder auch Disziplin hätte man sich grad von einem Revoluzzer wie ihm erwartet. Und genau das macht ihn für mich im Nachhinein erst recht noch unattraktiver als Mensch und Politiker. Es zeugt weder von Charakter noch von Größe. Menschen, die lügen und betrügen sind also eigentlich sehr kleine Menschen. Klein im Sinne von sie genügen sich selbst nicht, sie betrügen sich selbst, sie belügen sich selbst, sich wertschätzen sich selbst nicht und sie sind feig. "Kleine" Menschen also. Und diese scheinen an der Überzahl.
Verzicht ist wohl nicht gerade des Menschen größte Stärke. Unzucht und Betrügerei an der Tagesordnung. Aber irgendwann kommt alles auf die Waage und Taten zählen, nicht der Schein. Wie man auch im Fall Haider wieder gesehen hat. Auch wenn die österreichische Medienmannschaft dicht halten will, es gibt immer Lücken und Mittel und Wege die Wahrheit ans Licht zu bringen. In diesem Sinne: Glücklich all diejenigen, die reinen Gewissens. Meiner Freundin jedenfalls hab ich das Mittagessen gewaltig verdorben. Und das mit reschem Genuss.